Neuroökonomie als Erweiterung des rationalen Modells

23. Juli 2009

Colin F. Camerer ist Professor für Behavioral Finance und experimentelle Ökonomie am California Institute of Technology. derStandard.at hat ein Interview mit ihm veröffentlicht, in dem der fünfzigjährige Wissenschaftler einen groben Überblick über den Stand der neuroökonomischen Forschung widergibt.

Dabei geht er nicht nur auf die allgemeine Funktionsweise unseres Gehirns ein, sondern auch auf den Erkenntnisstand der Wissenschaft, der bei weitem nicht so weit ist, wie man das vielleicht vermuten würde.

Die Forschung in dem Bereich steckt noch in den Kinderschuhen und es arbeiten nur wenige Gruppen daran, die gewonnenen Daten in mathematische Modelle zu übertragen.

Das komplette Interview kann in deutscher Fassung auf derStandard.at gelesen werden.

Camerer ist Buchautor einiger bekannter Werke für die Behavioral Finance:



Disziplin ist kein Resultat von Erfahrung

3. Juni 2009

Das Handelsblatt schreibt heute über Joachim Goldberg und seine Vorliebe für Bordeaux-Wein. Was uns daran interessieren soll ist folgender Umstand: J. Goldberg ist ein renommierter Experte für Behavioral Finance, der unter anderem auch das deutsche Standardwerk zum Thema geschrieben hat. Über seine Erfahrung in diesem Bereich muss man also nicht mutmaßen.

Er scheint aber trotz allen Wissens und seiner Erfahrung auch zeitweise seine Disziplin zu vergessen, obwohl man meinen möchte, er müsste mit derartigen Problemen nicht mehr kämpfen. Laut Handelsblatt ersteigert Goldberg gerne mal einen guten Tropfen und schießt im Eifer des Gefechts gerne über sein vorher gesetztes Preisziel hinaus.

Dies könnte sich aus dem Umstand heraus ergeben, dass Disziplin ebenso bewusst und professionell eingehalten werden muss, wie konkrete Vorgaben z.B. beim Aktienhandel. Jeder kann auf Erfahrungen zurückgreifen, auf Arbeitstage an denen man besonders effizient arbeitete und sich an seine eigenen geplanten Vorgaben gehalten hat und andere, an denen nicht nur der Plan fehlte, sondern auch die Umsetzung äußerst ineffizient war.

Oft liegt es schon allein an der Herangehensweise. Wenn man sich professionell vorbereitet und sein Selbstmanagement im Auge hat, dann klappt es auch, den Plan relativ gut umzusetzen. Das ist bei der täglichen Arbeit nicht anders, als beim Trading. Auch dort benötigt man einen Plan (Tradingplan), welcher dann konsequent umgesetzt werden muss.

Egal wie professionell man sein kann, man muss eine Tätigkeit auch mit jener Professionalität verfolgen. Oft macht sich dies dann im privaten Bereich bemerkbar, der eben nicht professionell organisiert wird und so kann es schon mal vorkommen, dass ein Plan zwar vorhanden ist (Maximalgebot bei einer Auktion) aber die Haltung in diesem Moment eher entspannt und eben privat und da vergisst auch ein Experte schon mal, seinen Plan auch konsequent in die Tat umzusetzen.

Disziplin könnte man also weniger als Eigenschaft betrachten, sondern als eine Art professionelle Herangehensweise an eine Tätigkeit, die je nach individueller Einstellung mal vorhanden sein kann oder auch nicht. Es läge dann an uns, unsere Einstellung im Vorfeld entsprechend anzupassen, um die nötige Disziplin zu erreichen.

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Und nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt: dieser Post geht natürlich nicht gegen Herrn Goldberg, sondern soll lediglich die Menschlichkeit von Experten auf der einen Seite zeigen und dass es für sie auch kein Zuckerschlecken ist auf der anderen.


Behavioral Trading System

20. März 2009

Ich habe Anfang des Jahres geschrieben, dass ich ein Handelssystem testen möchte, das auf psychologischen Gegebenheiten beruht (vgl. Post vom 01.01.2009).

Ich möchte dazu folgende Korrektur anbringen:
Das System nutzt keine Überreaktionen, sondern die Konsequenzen aus systematischen Unterreaktionen.

Aktueller Stand:
Es konnte ein Berechnungsschema aufgestellt werden, das es ermöglicht, die Konsequenzen in Zahlen zu erfassen und somit Datenreihen statistisch auszuwerten.

Jetzt geht es an die Erfassung der Daten, die sich leider sehr mühsam gestaltet, weil es keine (zumindest keine mir bekannten und frei zur Verfügung stehenden) Datenbestände dazu gibt. Die Daten müssten daher manuell gesammelt werden. Die optimistische Prognose für die Timeline wären etwa 7 Monate. Dieser Aufwand ist wenig effizient und ich halte derzeit Ausschau nach Alternativen.

Die Daten sind Grundlage für eine Auswertung des Systems. Daher kann im Moment noch keine Aussage über den Erfolg oder die praktische Relevanz des Ansatzes gemacht werden.


Kursbewegungen durch Gerüchte und Verfügbarkeitsheuristik

20. November 2008

Heute mal ein etwas andere Beitrag, wenn auch doch passend zum Thema und sehr aktuell.

Ich habe auf dem Personaler Blog eine Illustration gefunden:

Behavioral Finance - Verfügbarkeitsheuristik

Diese zeigt zwar steigende Kurse, was im Moment nicht so wirklich passt, aber die beschriebene Situation passt natürlich auch auf fallende Kurs und die derzeitige Marktlage.

Inwiefern hat dies nun mit Behavioral Finance zu tun und was bringt es dem Anleger?

Die Verfügbarkeitsheuristik ist ein Phänomen, das uns Anleger dazu verleitet Informationen, die öfter oder leichter verfügbar sind, überzubewerten.

Dies kann auch bereits bei dem ausgebenden Medium auftreten, wie es in der obigen Illustration gezeigt wird. Dort schreibt ein Blog vom anderen ab und so verbreitet sich eine falsche Information, die gehandelt wird.

Auch wenn ich dies keinem Informationsmedium grundsätzlich unterstellen möchte, so kann es durchaus vorkommen, dass beispielsweise Nachrichten, die in die aktuelle Marktlage passen, bevorzugt werden. Das bedeutet, dass in einem negativen Marktumfeld wie wir es zur Zeit haben, auch negative Nachrichten besonders gerne veröffentlicht werden. Hier findet in der Gesamtheit der verfügbaren Informationen eine Verzerrung statt, die das tatsächliche Bild unter Umständen schlechter darstellt, als es eigentlich ist.

Da dadurch die Verunsicherung und Angst am Markt zunimmt, wirkt sich das auch auf die Kurse aus und kann zu einer Überreaktion am Markt führen.

Daher ist es für den Anleger wichtig, interessante Nachrichten nicht nur bei anderen Informationsmedien zu bestätigen, sondern gegensätzliche Informationen zu suchen und sich ein besseres Bild zu verschaffen.

Nur weil eine Nachricht öfter zu lesen ist, bedeutet dies nicht automatisch, dass sie relevanter oder wichtiger ist, als andere Informationen.


Affekt-Systeme als neurowissenschaftliche Ursache für nicht rationale Entscheidungen

15. September 2008

Spontan und unmittelbar auftretende Emotionen als Reaktion auf bestimmte Ereignisse nennt man auch Affekt. Dieser Affekt führt zur Unterdrückung von rationalen Entscheidungen und beeinträchtigt uns im Anlageprozess.

Peterson (“Affect and Financial Decision-Making: How Neuroscience Can Inform Market Participants”, 2007) beschreibt dazu zwei unabhängige Systeme:

  1. Reward Approach System (System der Erwartung einer Belohnung)
  2. Loss Avoidance System (System der Verlustvermeidung)

Im Reward Approach System kann durch neurochemische Prozesse eine erhöhte Risikotoleranz entstehen, die durch in Aussicht gestellte Belohnungen aktiviert wird. Das bedeutet, wird einem Menschen eine Belohnung vor die Nase gehalten, ist er bereit, dafür ein höheres Risiko einzugehen. Beispiele dafür sind diverse TV-Spiele bei denen Passanten eine Prämie gewinnen können und dafür einen persönlichen Einsatz (peinliche Aktionen ausführen, privates Handy, etc.) erbringen müssen. Beim Wertpapierhandel könnte dies den Teil des Dispositionseffekts erklären, bei dem der Anleger eine Verlustposition behält, um die Belohnung, bei steigendem Kurs die Position wieder auszugleichen, vor Augen hat. Er geht dafür ein höheres Risiko ein, indem er die Verlustposition nicht schließt und einen weiteren Kursverfall in Kauf nimmt, obwohl es besser wäre nur ein kleineres Risiko einzugehen und dann das Kapital in eine gewinnbringende Alternative zu investieren.

Die Aktivierung des Loss Avoidance Systems kann zu Subjektivität (in der Beurteilung) und Ängstlichkeit führen. Auch hier kann der Dispositionseffekt wieder als Beispiel dienen. Befindet sich eine noch offene Position im Gewinn, entsteht die Angst, den bisherigen Profit wieder zu verlieren. Die Position wird geschlossen, um einen kleinen Gewinn zu sichern (Verlustvermeidung), obwohl hier eine etwas höhere Risikotoleranz angebracht wäre.

Wie kann der Trader dies beeinflussen (ohne mit Medikamenten die neurochemischen Prozesse zu beeinflussen)? Mit Hilfe der unterschiedlichen Darstellung von zu entscheidenden Sachverhalten.
Bsp.: Anstatt die Verlustposition zu betrachten, kann das Gesamtportfolio betrachtet und ein Stopp automatisch gesetzt werden, um ein festes Risiko einzustellen.

Es ist also alles Kopfsache. Können die beiden Systeme gesteuert werden, so wird auch die Risikotoleranz beeinflusst. Die Informationsaufnahme spielt also eine wichtige Rolle, die Reflexion der vergangenen Ereignisse (und der Planung) und das Bewusstsein, dass eine solche Beeinflussung stattfindet.


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