Kursbewegungen durch Gerüchte und Verfügbarkeitsheuristik

20. November 2008

Heute mal ein etwas andere Beitrag, wenn auch doch passend zum Thema und sehr aktuell.

Ich habe auf dem Personaler Blog eine Illustration gefunden:

Behavioral Finance - Verfügbarkeitsheuristik

Diese zeigt zwar steigende Kurse, was im Moment nicht so wirklich passt, aber die beschriebene Situation passt natürlich auch auf fallende Kurs und die derzeitige Marktlage.

Inwiefern hat dies nun mit Behavioral Finance zu tun und was bringt es dem Anleger?

Die Verfügbarkeitsheuristik ist ein Phänomen, das uns Anleger dazu verleitet Informationen, die öfter oder leichter verfügbar sind, überzubewerten.

Dies kann auch bereits bei dem ausgebenden Medium auftreten, wie es in der obigen Illustration gezeigt wird. Dort schreibt ein Blog vom anderen ab und so verbreitet sich eine falsche Information, die gehandelt wird.

Auch wenn ich dies keinem Informationsmedium grundsätzlich unterstellen möchte, so kann es durchaus vorkommen, dass beispielsweise Nachrichten, die in die aktuelle Marktlage passen, bevorzugt werden. Das bedeutet, dass in einem negativen Marktumfeld wie wir es zur Zeit haben, auch negative Nachrichten besonders gerne veröffentlicht werden. Hier findet in der Gesamtheit der verfügbaren Informationen eine Verzerrung statt, die das tatsächliche Bild unter Umständen schlechter darstellt, als es eigentlich ist.

Da dadurch die Verunsicherung und Angst am Markt zunimmt, wirkt sich das auch auf die Kurse aus und kann zu einer Überreaktion am Markt führen.

Daher ist es für den Anleger wichtig, interessante Nachrichten nicht nur bei anderen Informationsmedien zu bestätigen, sondern gegensätzliche Informationen zu suchen und sich ein besseres Bild zu verschaffen.

Nur weil eine Nachricht öfter zu lesen ist, bedeutet dies nicht automatisch, dass sie relevanter oder wichtiger ist, als andere Informationen.


Hoffnung und Enttäuschung im Doppelpack mindern die Rendite!

3. Juni 2008

“Leider betrachtet der Mensch die Welt selten realistisch, sondern lieber ideologisch. Anstatt die Welt zu sehen, wie sie ist, stellt er sich vor, wie sie sein könnte – und ist dann enttäuscht, wenn die Realität nicht mit dem Wunschbild übereinstimmt.”1

Dieses schöne und treffende Zitat stammt von Dieter Nuhr (Webseite: http://www.nuhr.de), einem intelligenten Zeitgenossen und Comedian mit Niveau. In diesem Zitat stecken Hoffnung und Enttäuschung - emotionale Gebundenheit statt rationalen Überlegens. Natürlich hat er Recht, aber was hilft uns das als Anleger?

Hoffnung steckt im sog. Dispositionseffekt. der dafür sorgt, dass wir an unseren Verlustpositionen weiter festhalten und hoffen, dass wir doch vielleicht mit einem blauen Auge davon kommen. So vergrößern sich die Verluste und fressen die Gewinne auf – Rendite adieu!

Die Enttäuschung (engl.: regret) finden wir in der Regretaversion wieder. Wir versuchen Enttäuschungen zu vermeiden und fällen Entscheidungen in der Art, dass die zu erwartende Enttäuschung möglichst gering ausfällt. Um nicht allein als Verlierer dazustehen, wird sich Entscheidungen anderer angeschlossen und die Verantwortung auf eine Mehrheit oder Experten abgewälzt. Wir suchen nach Informationen, die die getroffene Entscheidung bestärken und vernachlässigen Informationen, die ihr entgegen stehen.

Dies führt letztendlich auch zur Verfügbarkeitsheuristik, einem Phänomen, bei dem wir nicht nur bestätigende Informationen suchen, sondern aus diesem verzerrten Bild den Schluss ziehen, dass die Entscheidung richtig war und immer noch ist.

Es werden keine rationalen Entscheidungen mehr über den betreffenden Sachverhalt (beispielsweise eine offene Aktienposition) gefällt, sondern es stellt sich eine Willkür ein, die einer positiven Rendite des finanziellen Engagements entgegenwirkt.


1 Nuhr Dieter (2007): “Wer’s glaubt, wird selig“, 4. Aufl., Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, S. 183


Analogien zwischen Trading und Poker – risikoloser Übungsraum

14. Mai 2008

Behavioral Finance schön und gut, aber welche Möglichkeiten gibt es, risikofrei zu trainieren?

Da einige Erkenntnisse aus der Beobachtung von Glücksspielen kommen liegt es nahe, sich diese mal näher anzusehen. Wir betrachten das Ganze mal an einem Pokerspiel:

Poker und Trading

Texas Hold’Em ist eine Pokervariante, bei der man zwei Spielkarten ausgeteilt bekommt und dann insgesamt fünf Karten offen auf den Tisch gelegt werden, die für jeden Spieler zählen. Die beste Kombination aus fünf dieser sieben Karten zählt dann für den jeweiligen Spieler.

Was hat das mit Trading zu tun?

  • Beim Poker kennt man seinen eigenen Einsatz und kann ihn selbst bestimmen (mehr oder weniger)
  • Es werden Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen
  • Es gibt verschiedene Phasen in welchen die Situation neu bewertet und eine weitere Entscheidung gefällt werden muss
  • Man ist starken Gefühlsschwankungen ausgesetzt, die kontrolliert werden müssen
  • Glück, Strategie und die eigene Disziplin bestimmen, ob man gewinnt, oder verliert.

Wenn auch einige Experten den Vergleich einer Anlage mit dem Glücksspiel nicht gerne sehen, so sind gewisse Parallelen doch nur zu offensichtlich. Der große Unterschied ist, dass man die Anlage am Kapitalmarkt besser kontrollieren kann.

Wie hilft das beim eigenen Training?

Spielen Sie! Und Sie werden feststellen, dass sich schnell ein Dispositionseffekt oder auch ein Sunk-Cost-Effekt einstellen, beispielsweise, wenn in den ersten Runden verloren wurde und man den Verlust aufholen möchte, oder wenn der Mindesteinsatz (Blinds) gezahlt werden musste und man schlechte Karten hat. Sie werden bei der Analyse Ihrer Mitspieler die Verfügbarkeitsheuristik wiederfinden, weil so viele Informationen verarbeitet werden müssen, dass die aktuelleren die älteren überlagern. Es wird die Repräsentativitätsheuristik auftreten, weil es unwahrscheinlich ist, dass pötzlich vier Spieler gleichzeitig eine Straße auf der Hand haben. Sie werden Bedauern fühlen, wenn Sie schlechte Karten weggeworfen haben, die sich aber im Verlauf in ein hervorragendes Blatt gewandelt hätten. Das Adrenalin und die Gier werden spürbar, wenn Sie hoch setzen, uvm.

Das tritt alles in einem kontrollierten Rahmen auf, bei dem Sie nur Spielgeld einsetzen müssen und innerhalb kürzester Zeit immer wieder die selben Effekte sehen und daran arbeiten können. Eine optimale Trainingsumgebung also für viele psychologische Einflüsse, die durch den hohen Wiederholungsgrad schneller in den Griff bekommen werden können.


Faktor affektive Kongruenz der Verfügbarkeitsheuristik

26. März 2008

Wie bereits in einem Post vom 03.03.08 beschrieben, bezieht sich die Verfügbarkeitsheuristik auch auf Erinnerungen. Diese werden nach Goldberg und von Nitzsch (2004) durch vier Faktoren bestimmt:

  1. Aktualität
  2. Auffälligkeit
  3. Anschaulichkeit
  4. affektive Kongruenz

Der Faktor affektive Kongruenz tritt bei Ereignissen auf, die mit einer bestimmten Stimmug verknüpft in der Erinnerung verankert wurden. Beim Auftreten dieser Stimmung sind diese Erinnerungen dann besser verfügbar.

Beispiel: Ein Anleger ist übermäßig gut gelaunt ist. Er zeigt an diesem Tag eine hohe Risikobereitschaft und wird zufällig dafür belohnt. Er macht einen relativ hohen Gewinn. Nach mehreren aufeinanderfolgenden Verlusten mit ähnlicher Risikobereitschaft, aber unterschiedlicher Stimmung an anderen Tagen, kommt er wieder sehr gut gelaunt an seinen Arbeitsplatz. In dieser Stimmung erinnert er sich stärker an den vergangenen Gewinntrade, was die Erinnerung an die zwischenzeitlichen Verluste überlagert. Er reagiert dadurch wieder mit hoher Risikobereitschaft, obwohl sich das in den vergangenen Situationen als negativ heraus gestellt hat.

Eine Möglichkeit dem entgegen zu wirken ist das Führen eines Tagebuchs, um eine gleich gewichtete Beurteilung vergangener Engagements durchführen zu können und dadurch diese Verzerrung zu beheben.


Faktor Anschaulichkeit der Verfügbarkeitsheuristik

12. März 2008

Wie bereits in einem Post vom 03.03.08 beschrieben, bezieht sich die Verfügbarkeitsheuristik auch auf Erinnerungen. Diese werden nach Goldberg und von Nitzsch (2004) durch vier Faktoren bestimmt:

  1. Aktualität
  2. Auffälligkeit
  3. Anschaulichkeit
  4. affektive Kongruenz

Der Faktor Anschaulichkeit bezeichnet Ereignisse, die man sich besonders leicht merken kann, weil man einen konkreten Bezug dazu hat. Beispielsweise können dies Ereignisse im eigenen Umfeld sein:

  • ein Bekannter hat mit einer Aktie X 5.000 Euro verdient und sich davon einen Urlaub gegönnt
  • ein anderer Bekannter hat 100.000 Euro mit Investments im Immobilienmarkt verloren.
  • das erste eigene Investment war ein relativ großer Gewinn

Dadurch dass man die genannten Ereignisse mit einem konkreten Gesicht oder einer Geschichte, vielleicht auch mit bestimmten Emotionen verbindet, bleiben sie leichter im Gedächtnis haften und sind leichter “verfügbar”. So werden eigene Entscheidungen unter Umständen beeinflusst, wenn man mehrere negative Erinnerungen mit der Börse, einem bestimmten Sektor, einem Anlageinstrument oder ähnlichem hat. Auch wenn zwei oder drei negative Erinnerungen (insbesondere, wenn sie aus Erzählungen anderer stammen) nicht representativ für das Marktumfeld oder einen bestimmten Sektor, etc. sind, reichen sie aus, einer Entscheidung für diesen Bereich entgegen zu wirken. Eine sachliche Beurteilung der Lage wird dadurch erheblich erschwert.


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