Disziplin ist kein Resultat von Erfahrung

3. Juni 2009

Das Handelsblatt schreibt heute über Joachim Goldberg und seine Vorliebe für Bordeaux-Wein. Was uns daran interessieren soll ist folgender Umstand: J. Goldberg ist ein renommierter Experte für Behavioral Finance, der unter anderem auch das deutsche Standardwerk zum Thema geschrieben hat. Über seine Erfahrung in diesem Bereich muss man also nicht mutmaßen.

Er scheint aber trotz allen Wissens und seiner Erfahrung auch zeitweise seine Disziplin zu vergessen, obwohl man meinen möchte, er müsste mit derartigen Problemen nicht mehr kämpfen. Laut Handelsblatt ersteigert Goldberg gerne mal einen guten Tropfen und schießt im Eifer des Gefechts gerne über sein vorher gesetztes Preisziel hinaus.

Dies könnte sich aus dem Umstand heraus ergeben, dass Disziplin ebenso bewusst und professionell eingehalten werden muss, wie konkrete Vorgaben z.B. beim Aktienhandel. Jeder kann auf Erfahrungen zurückgreifen, auf Arbeitstage an denen man besonders effizient arbeitete und sich an seine eigenen geplanten Vorgaben gehalten hat und andere, an denen nicht nur der Plan fehlte, sondern auch die Umsetzung äußerst ineffizient war.

Oft liegt es schon allein an der Herangehensweise. Wenn man sich professionell vorbereitet und sein Selbstmanagement im Auge hat, dann klappt es auch, den Plan relativ gut umzusetzen. Das ist bei der täglichen Arbeit nicht anders, als beim Trading. Auch dort benötigt man einen Plan (Tradingplan), welcher dann konsequent umgesetzt werden muss.

Egal wie professionell man sein kann, man muss eine Tätigkeit auch mit jener Professionalität verfolgen. Oft macht sich dies dann im privaten Bereich bemerkbar, der eben nicht professionell organisiert wird und so kann es schon mal vorkommen, dass ein Plan zwar vorhanden ist (Maximalgebot bei einer Auktion) aber die Haltung in diesem Moment eher entspannt und eben privat und da vergisst auch ein Experte schon mal, seinen Plan auch konsequent in die Tat umzusetzen.

Disziplin könnte man also weniger als Eigenschaft betrachten, sondern als eine Art professionelle Herangehensweise an eine Tätigkeit, die je nach individueller Einstellung mal vorhanden sein kann oder auch nicht. Es läge dann an uns, unsere Einstellung im Vorfeld entsprechend anzupassen, um die nötige Disziplin zu erreichen.

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Und nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt: dieser Post geht natürlich nicht gegen Herrn Goldberg, sondern soll lediglich die Menschlichkeit von Experten auf der einen Seite zeigen und dass es für sie auch kein Zuckerschlecken ist auf der anderen.


Ein Stück Realität

1. April 2009

Antworten Sie aus dem Bauch heraus:

Ist Ihr Trading erfolgreich (ja/nein)?

Wenn Ihre Antwort nicht Nein ist, überlegen Sie, Wie Sie Ihre Antwort untermauern können.

Kennen Sie Ihr Verhältnis von Gewinntrades zu Verlusttrades?
Wissen Sie wie hoch Ihr durchschnittlicher Gewinn im Vergleich zum durchschnittlichen Verlust ist?
Wie hoch ist Ihre durchschnittliche Performance pro Monat nach Abzug aller Gebühren (und auch davor)?
Wie oft halten Sie sich an Ihre Trading Regeln und wie oft nicht?
Was ist Ihr ROI (Return on Investment)?
Deckt sich der Ist-Zustand mit Ihrer Planung?

Sicherlich, viele Fragen. Aber wenn Sie die Antwort nicht kennen, wie wollen Sie die eingangs gestellte Frage realistisch beantworten? Jeder Trader hat grundsätzlich das Problem, dass er nur Geld verdienen kann, wenn er das Trading professionell angeht. Beim Trading gibt es keine Einsteiger Liga, keine Kreisklasse. Man startet direkt in der WM  oder Bundesliga und spielt gegen die Profis. Daher ist es notwendig, sich konkrete (realistische) Ziele zu setzen. Damit diese aber verfolgt und verwirklicht werden können, müssen die Fortschritte messbar sein. Das ist an sich nicht schwierig, weil das meiste bereits in Zahlen vorliegt. Aber es müssen konkrete Messgrößen nachhaltig festgehalten und Veränderungen bestimmt werden. Nur so ist es möglich, Abweichungen zu erkennen und steuernd einzugreifen. Sich nur erfolgreich zu fühlen, kann ein teurer Trugschluss sein. Halten Sie doch mal fest, wie viel Zeit Sie in Ihr Trading investieren, und wie viel Rendite dabei herausspringt. Das wird sicherlich dem ein oder anderen die Augen öffnen und die Entscheidung erleichtern, den Aufwand für die Feststellung einiger Kennzahlen über das eigene Trading zu betreiben.

Es gibt unzählige Möglichkeiten dies zu tun. Angefangen bei einfachen Tabellen, über kostenlose Online-Portfolios, bis hin zu kommerziellen Produkten.

  • Tabellen
    Sie können sich eine eigene Tabelle erstellen (vorzugsweise mit einem Tabellenkalkulationsprogramm; NICHT in einer Textverarbeitung). Mit den festgehaltenen Informationen können Sie dann oben genannte Größen errechnen und erhalten dadurch ein Feedback, das Ihnen beim Lernprozess behilflich ist. In der Tabelle halten Sie unterschiedliche Informationen fest wie z.B.

    • alle Parameter eines Trades (Datum, Menge, Preis, Symbol; werden für Berechnungen anderer Größen benötigt)
    • Marktumfeld
    • eigene Tagesform
    • Grund für den Trade oder Exit
    • wie gut Sie Ihre Regeln eingehalten haben
    • Grund, warum der Trade nicht so funktioniert hat, wie er sollte, obwohl alles richtig gemacht wurde
    • u.v.m.
  • Online-Angebote
    es gibt verschiedenste Onlineportale, die mit Finanzen zu tun haben und meist auch Börsenkurse zur Verfügung stellen. Dort kann man oft ein kostenloses Musterportfolio einrichten, mit dem man zumindest grundlegende Informationen festhalten und diese auswerten kann, z.B. www.Onvista.de, www.Icarra.com, …
  • kommerzielle Produkte
    Hierbei müssen Sie darauf achten, dass die Software auch wirklich zur Verwaltung eines Wertpapierdepots gedacht ist und Funktionen zum Money Management aufweist. Bei kostenpflichtigen Produkten empfielt es sich auch immer, das Produkt vor dem Kauf zu testen. Z.B. www.financial-futures.de

Durch das Festhalten dieser Informationen und die nachträgliche Analyse erhalten Sie ein zusätzliches Feedback, das einen Lernprozess erlaubt, der ohne dieses Feedback nicht eintreten kann. Überlegen Sie sich, wie viel ein solches Tradingjournal wert wäre, wenn es von Warren Buffet stammen würde und was man möglicherweise daraus lernen könnte. Ihr eigenes Journal ist für Sie persönlich ebenso viel wert, weil es Sie lehrt, welche Fehler Sie vermeiden können und was Sie richtig machen!

Die Behavioral Finance beschreibt den sog. Rückschaufehler (Hindsight Bias). Hierzu gibt es hier im Blog auch eine Beschreibung, wie dieser Fehler als Lernhemmer wirkt.

Nur zur Sicherheit: Dies ist kein Aprilscherz!


AMR Corporation testet die Stärke des Bedauerns

24. Juli 2008

Vor einigen Tagen schloss ich einen Trade, der hier mal als Beispiel dienen soll:

Ich hatte AMR zu einem ganz passablen Preis gekauft, habe mich an mein System gehalten und bin dann mit etwas über 30% Gewinn gemäß meinem Regelwerk wieder ausgestiegen. Ein rundum guter Trade, bei dem eigentlich alles richtig gemacht wurde. Jetzt möchte man meinen, dass man damit zufrieden sein könnte, das Problem ist aber das, was mit der Aktie passiert ist, nachdem ich ausgestiegen bin.

Als ob der Kurs nur auf mich gewartet hätte fing er sodann an zu steigen und zwar ins Unermessliche. An diesem Tag hätte ich statt dessen auch mit über 70% Gewinn aussteigen, also etwa verdoppeln können (in den darauffolgenden Tagen sogar fast 100% Gewinn).

Nehmen wir das mal auseinander:

- Ich bin gemäß meines Systems in die Position eingestiegen
- die Regeln wurden diszipliniert eingehalten
- das Ziel in dieser Position wurde erreicht, sogar weit überschritten
- die Position wurde anhand der Regeln des Systems geschlossen
- ein großer Gewinn wurde realisiert, durchaus nicht zu früh, sondern nach rationalen Kriterien

Soweit alles OK und alles richtig.

Was ist falsch gelaufen?

- nichts. Es hätten funktionierende Regeln übergangen werden müssen, damit an dem weiteren Kursanstieg hätte partizipiert werden können.

Die positiven Gesichtspunkte überwiegen also bei weitem. Dennoch beschleicht einen in dieser Situation ein Gefühl des Verlierens, das Bedauern darüber, dass man nicht doch gewartet hat und den zusätzlichen Gewinn nicht mitnehmen konnte und die Gier nach möglichen weiteren Gewinnen in dieser Kursbewegung.

Folgende Probleme können aus einer solchen Situation heraus entstehen:

- Die Gier an dem entgehenden Gewinn teilzuhaben während der Kurs weiter ansteigt könnte dazu führen, dass man die Position wieder eröffnet und in den Markt ohne weitere rationale Gründe einsteigt (entgegen der rationalen Gründe, die für den Ausstieg gesprochen hatten)

- Das System könnte entsprechend so optimiert werden, dass es das Halten der Position ermöglicht hätte. Dadurch wird aber u.U. die Gesamtperfomance des Systems verschlechtert und das Risiko erhöht.

-  es könnte mental der Eindruck entstehen, dass man falsch gehandelt hat. Dies steht dem positiven Lerneffekt entgegen und würde diesen eher umkehren, als stärken.

Zusammengefasstes Ergebnis im schlimmsten Falle:

- Verschlechterung des eigenen Handelssystems
- erhöhtes Risiko, dadurch u.U. Abgabe eines Teils des ansonsten realisierten Gewinns
- falsche Erfahrungen wirken der eigenen Disziplin, Rationalität und dem Lerneffekt entgegen

Möglichkeiten des Gegensteuerns:

Zuerst sollte man nicht vorschnell und grundlos in den Markt wieder einsteigen, sondern die Situation in Ruhe analysieren, um daraus zu lernen und in künftigen Situationen die gewonnene Erfahrung in die Entscheidungen einbringen. Sollte das aus emotionalen Gründen nicht machbar sein, darf der Kurs nach dem Ausstieg nicht weiter verfolgt werden. Alle Kursdiagramme und sonstigen Informationen über das gehandelte Instrument müssen verbannt werden.

Tradeanalyse: wie oben geschehen, muss der Trade analysiert werden. Was wurde richtig gemacht und welche Fehler haben sich u.U. eingeschlichen. Wurden Fehler gemacht, gilt es zu ergründen, warum und wie dies in Zukunft verhindert werden kann. Wurde alles wie geplant ausgeführt, gilt es herauszufinden, ob das System u.U. optimiert werden muss und auf welche Art. Wurde alles richtig gemacht (selbst wenn das System optimiert werden muss), dann war die Disziplin ausreichend und das eigene Handeln völlig korrekt. Das muss dann auch festgehalten werden. Hier kommt das Tradingjournal wieder zum Einsatz. Die Fakten werden festgehalten und lassen sich leichter analysieren, sowie nachträglich Statistiken darüber führen, wie gut die eigenen Vorgaben eingehalten wurden.

Vorsicht! die sachliche Analyse und zeitnahe Datenerhebung sind hierbei entscheidend. Vergleiche auch Hindsight Bias.

Diese Phase der Reflexion ist die wichtigste Phase im Anlageprozess, um positive Erfahrungen später gewinnbringend einsetzen zu können und die eigenen Emotionen in den Griff zu bekommen. In diesem Falle führt es dazu, dass man den Trade wieder als das sieht was er eigentlich ist: ein Gewinner.

Wenn das auf eigenes Handeln zurückzuführen ist (soweit man darauf Einfluss hatte), darf man sich ruhig gut dabei fühlen. Das bringt das nötige Selbstvertrauen, beim nächsten Mal wieder richtig zu handeln und sich an seine Regeln diszipliniert zu halten.


Die Angst vor der Zukunft

8. Mai 2008

Roland Barach schreibt in seinem Buch (1988, Mindtraps) über verschiedene Fallen, darunter auch einige, die mit der eigenen Angst zu tun haben. Dabei stellt er fest, dass Angst die Ursache für folgende Ereignisse ist:

  1. Verkaufen nachdem der Kurs gefallen ist, weil man befürchtet, dass der Kurs noch weiter fällt
  2. Verpassen guter Einstiegsmöglichkeiten bei niedrigen Kursen aus Angst und Entscheidung für die Passivität
  3. Zu frühes Verkaufen im Gewinn aus Angst, er könnte durch Kursverfall wieder aufgezehrt werden

Angst ist demnach einer der emotionalen Zustände, die wir lernen müssen zu kontrollieren. Konkrete Handlungsempfehlungen gibt er dazu nicht, jedoch ist der dritte genannte Punkt eine Konsequenz aus dem Dispositionseffekt auf der Gewinnseite: Gewinne werden zu früh realisiert – eine Entscheidung für die sichere Alternative (Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach).

Genau dies führt aber dazu, dass auftretende Verluste durch die kleinen Gewinne nicht kompensiert werden können und so ein negatives Gesamtergebnis erwirtschaftet wird. in diesem Fall kann das Setzen eines Kursziels dabei helfen, den Gewinn etwas weiter laufen zu lassen. Kombiniert man dies mit dem bewussten Setzen eines Bezugspunkts, kann man die eigene Schmerzgrenze etwas erweitern.

Wenn das Gewinnpotential einer Aktie XY bei etwa 1,50-1,80 Euro eingeschätzt wird, dann seien Sie optimistisch und setzen Sie ihr Gewinnziel auf 1,80. Dieser Wert stellt einen neuen Bezugspunkt für den Ausstieg im Gewinnfall dar. Kann die Disziplin bis zu diesem Punkt nicht eingehalten werden, weil man aus Angst vorher raus möchte, so können evtl. die 1,50 realisiert werden und damit ist das Ziel zu etwa 80% erreicht worden. Wenn dies in Kombination mit kontrollierten, kleinen Verlusten einhergeht, wird immer noch ein positives Gesamtergebnis erreicht. Wäre das Gewinnpotential pessimistisch bei 1,50 eingeschätzt worden, so wäre der Gewinn vielleicht bereits bei 1,20 realisiert worden. So kann die individuelle Grenze ein wenig verschoben werden und führt insgesamt zu besseren Ergebnissen.


Die Praxis von Hoffnung und Bezugspunkten

7. April 2008

Ich war die Tage mit einem alten Bekannten abends Essen und dabei fiel das Gespräch auch auf Fonds als Anlageinstrument. Das Gespräch handelte unter anderem davon, dass gewisse Fonds in letzter Zeit sehr in Mitleidenschaft gezogen wurden und der Wertverfall auch langfristig nicht mehr akzeptabel sei. Die subjektive Bewertung war dabei relativ klar und wurde deutlich kommuniziert: Fonds seien nicht die optimale Anlageform und das Geld solle in andere Instrumente transferiert werden.

Soweit, so gut. Die Entscheidung war damit auf dem Tisch. Aber die entsprechenden Positionen sollten noch behalten werden, bis der Wertverlust nicht mehr so groß sei. Auf meine Frage, warum er die Fonds nicht auflöse und das Geld in vermeintlich bessere Anlageformen investiere, erhielt ich folgende Antwort:

Ich hoffe, dass zumindest der Einstiegspreis wieder erreicht wird, dann löse ich alles auf.

Zwei Punkte fallen bei der Betrachtung dieser Antwort auf:

  1. die Hoffnung, die sogar wörtlich benannt wurde
  2. das Kriterium des Erreichens des Einstiegspreises (auch Bezugspunkt genannt)

Diese beiden “Symptome” sind bezeichnend für den Dispositionseffekt. Dieser besagt, dass sich ein Anleger im Gewinnfall risikoscheu verhält, im Verlustfall (wie in diesem Beispiel) hingegen risikofreudig. Dies führt in der Konsequenz dazu, dass zu lange an verlustbehafteten Positionen festgehalten wird. Verluste können sich so in der Hoffnung darauf, dass der Kurs irgendwann doch wieder das Einstiegsniveau erreicht und man mit einem blauen Auge davon kommt, immer weiter vergrößern. Dies kann u. U. so weit fortschreiten, bis eine neue Schmerzgrenze erreicht wird, die dann zu einer Art Zwangsauflösung der Position führt (z.B. Existenzbedrohung, Totalverlust, oder andere finanzielle Bedürfnisse, die sofortigen Mittelzufluss erfordern).

Während sowohl das Kapital, als auch die Zeit mit einer derartigen Verliererposition verstreichen, könnte man das noch vorhandene Kapital in gewinnbringende Engagements investieren und die Zeit für Renditechancen nutzen.

Die Handlungsempfehlung lautet: den Verlust akzeptieren, und das Geld in andere Engagements transferieren.


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