Affekt-Systeme als neurowissenschaftliche Ursache für nicht rationale Entscheidungen

15. September 2008

Spontan und unmittelbar auftretende Emotionen als Reaktion auf bestimmte Ereignisse nennt man auch Affekt. Dieser Affekt führt zur Unterdrückung von rationalen Entscheidungen und beeinträchtigt uns im Anlageprozess.

Peterson (“Affect and Financial Decision-Making: How Neuroscience Can Inform Market Participants”, 2007) beschreibt dazu zwei unabhängige Systeme:

  1. Reward Approach System (System der Erwartung einer Belohnung)
  2. Loss Avoidance System (System der Verlustvermeidung)

Im Reward Approach System kann durch neurochemische Prozesse eine erhöhte Risikotoleranz entstehen, die durch in Aussicht gestellte Belohnungen aktiviert wird. Das bedeutet, wird einem Menschen eine Belohnung vor die Nase gehalten, ist er bereit, dafür ein höheres Risiko einzugehen. Beispiele dafür sind diverse TV-Spiele bei denen Passanten eine Prämie gewinnen können und dafür einen persönlichen Einsatz (peinliche Aktionen ausführen, privates Handy, etc.) erbringen müssen. Beim Wertpapierhandel könnte dies den Teil des Dispositionseffekts erklären, bei dem der Anleger eine Verlustposition behält, um die Belohnung, bei steigendem Kurs die Position wieder auszugleichen, vor Augen hat. Er geht dafür ein höheres Risiko ein, indem er die Verlustposition nicht schließt und einen weiteren Kursverfall in Kauf nimmt, obwohl es besser wäre nur ein kleineres Risiko einzugehen und dann das Kapital in eine gewinnbringende Alternative zu investieren.

Die Aktivierung des Loss Avoidance Systems kann zu Subjektivität (in der Beurteilung) und Ängstlichkeit führen. Auch hier kann der Dispositionseffekt wieder als Beispiel dienen. Befindet sich eine noch offene Position im Gewinn, entsteht die Angst, den bisherigen Profit wieder zu verlieren. Die Position wird geschlossen, um einen kleinen Gewinn zu sichern (Verlustvermeidung), obwohl hier eine etwas höhere Risikotoleranz angebracht wäre.

Wie kann der Trader dies beeinflussen (ohne mit Medikamenten die neurochemischen Prozesse zu beeinflussen)? Mit Hilfe der unterschiedlichen Darstellung von zu entscheidenden Sachverhalten.
Bsp.: Anstatt die Verlustposition zu betrachten, kann das Gesamtportfolio betrachtet und ein Stopp automatisch gesetzt werden, um ein festes Risiko einzustellen.

Es ist also alles Kopfsache. Können die beiden Systeme gesteuert werden, so wird auch die Risikotoleranz beeinflusst. Die Informationsaufnahme spielt also eine wichtige Rolle, die Reflexion der vergangenen Ereignisse (und der Planung) und das Bewusstsein, dass eine solche Beeinflussung stattfindet.


Empirische Ergebnisse zur Overconfidence

16. Juli 2008

Auf der Trading Expo in Aschaffenburg am 03. und 04.07.08 hatte ich die Gelegenheit, einige Teilnehmer im Rahmen eines Workshops und eines Seminars zu befragen und die Ergebnisse auszuwerten.

Es wurden Fragen gestellt, die das Schätzvermögen der Teilnehmer beurteilen und eine Vergleichbarkeit zu bisherigen Studien gewährleisten sollten.

Die Ergebnisse können nachfolgend eingesehen werden und zeigen eine weite Verbreitung des in der Behavioral Finance als “Overconfidence” bekannten Effekts.

Es konnte gezeigt werden, dass die meisten Teilnehmer dem Effekt der Overconfidence unterliegen und ihr Schätzvermögen besser einschätzen, als es tatsächlich ist. Die Ergebnisse belegen, dass wir als Anleger grundsätzlich davon ausgehen müssen, dass wir von diesem Effekt negativ beeinflusst werden.

Hier geht’s zur Auswertung!


vorläufige Auswertung zur Overconfidence in Aschaffenburg

8. Juli 2008

Die vorläufigen Ergebnisse der Auswertung zur Overconfidence auf der Trading EXPO in Aschaffenburg können bei den Auswertungen eingesehen werden. Es sind bisher die Daten der Teilnehmer vom Do, 03.07. berücksichtigt.

Hier geht’s zu den ersten Ergebnissen


Ausreden, die wir eigentlich gar nicht bewusst verwenden wollen

11. Juni 2008

Folgendes durfte ich dieser Woche auf wallstreet:online lesen!

Der Kommentar stammt von einem dort angemeldeten Benutzer, der wie es scheint regelmäßig Handelsempfehlungen dort veröffentlicht. Ob selbsternannt oder nicht (ich habe die Performance nicht überprüft) dürfte er zumindest als mehr oder weniger erfahrener Händler gelten. Er schreibt:

“Es besteht für einen Aktienhändler weder während eines Ankaufes noch während eines Verkaufes eine emotionale Beteiligung an dem Handel. Denn der Handel ist das Ergebnis einer Modellbetrachtung und kann niemals infrage gestellt werden. Einzig das Modell, welches zur Entscheidung des Handels führte kann infrage gestellt werden.”

Dies ist ein klassischer Fall von Overconfidence. Er ist davon überzeugt, dass er an seinem Handel nicht emotional beteiligt ist. Da das System wohl von ihm stammt, sind aber Emotionen nicht auszuschließen. Allein die Tatsache, dass das System entweder profitabel oder verlustträchtig arbeitet, schürt unter Verwendung der Signale entweder Freude über den Erfolg oder Bedauern (Regret) über den Verlust. Wenn das System gut ist, kommt auch noch Stolz hinzu, sofern das System von ihm selbst ist. Trotzdem ist er der festen Überzeugung, dass er die Emotionen außen vor lassen kann.

Wenn er diszipliniert handelt, mag er bei der Umsetzung der Signale Recht haben, wenn diese 1:1 umgesetzt werden. Aus diesem Grund führt man solche Systeme ein, damit es eine klare Entscheidungsgrundlage gibt, die nicht in Frage gestellt werden muss und mechanisch ausgeführt werden kann (solange die Performance zufriedenstellend ist). Das Vertrauen in das System spielt dabei eine wichtige Rolle. Sobald jedoch eine Position geöffnet ist und im zeitlichen Verlauf auch betrachtet wird (wie verändert sich der Kurs,; ist die Position im Gewinn oder Verlust) stellen sich automatisch Emotionen ein (Angst, Gier, Hoffnung, Genugtuung, Freude, …). Das lässt sich auf Grund unseres “Bauplans” auch gar nicht vermeiden. Die Auswirkungen können jedoch besser kontrolliert werden.

Der letzte Satz des Zitats ist spannend, wil hier noch ein weiterer Effekt hinzu kommt: der sog. Self-Attribution Bias.

Er schreibt, der Handel selbst kann nie in Frage gestellt werden, lediglich das Entscheidungsmodell. Wenn es also funktioniert, steht der Händler gut da und natürlich erntet er die Loorbeeren. Funktioniert es nicht, wird die Schuld unbewusst auf das Modell geschoben. Es dient als Ausrede für die schlechte Performance und mildert zusätzlich das Bedauern (Regret) des Händlers.

Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass auch sog. Experten in psychologische Fallen treten. Hier ist ebenfalls erkennbar, dass die Effekte unbewusst auftreten.


Hoffnung und Enttäuschung im Doppelpack mindern die Rendite!

3. Juni 2008

“Leider betrachtet der Mensch die Welt selten realistisch, sondern lieber ideologisch. Anstatt die Welt zu sehen, wie sie ist, stellt er sich vor, wie sie sein könnte – und ist dann enttäuscht, wenn die Realität nicht mit dem Wunschbild übereinstimmt.”1

Dieses schöne und treffende Zitat stammt von Dieter Nuhr (Webseite: http://www.nuhr.de), einem intelligenten Zeitgenossen und Comedian mit Niveau. In diesem Zitat stecken Hoffnung und Enttäuschung - emotionale Gebundenheit statt rationalen Überlegens. Natürlich hat er Recht, aber was hilft uns das als Anleger?

Hoffnung steckt im sog. Dispositionseffekt. der dafür sorgt, dass wir an unseren Verlustpositionen weiter festhalten und hoffen, dass wir doch vielleicht mit einem blauen Auge davon kommen. So vergrößern sich die Verluste und fressen die Gewinne auf – Rendite adieu!

Die Enttäuschung (engl.: regret) finden wir in der Regretaversion wieder. Wir versuchen Enttäuschungen zu vermeiden und fällen Entscheidungen in der Art, dass die zu erwartende Enttäuschung möglichst gering ausfällt. Um nicht allein als Verlierer dazustehen, wird sich Entscheidungen anderer angeschlossen und die Verantwortung auf eine Mehrheit oder Experten abgewälzt. Wir suchen nach Informationen, die die getroffene Entscheidung bestärken und vernachlässigen Informationen, die ihr entgegen stehen.

Dies führt letztendlich auch zur Verfügbarkeitsheuristik, einem Phänomen, bei dem wir nicht nur bestätigende Informationen suchen, sondern aus diesem verzerrten Bild den Schluss ziehen, dass die Entscheidung richtig war und immer noch ist.

Es werden keine rationalen Entscheidungen mehr über den betreffenden Sachverhalt (beispielsweise eine offene Aktienposition) gefällt, sondern es stellt sich eine Willkür ein, die einer positiven Rendite des finanziellen Engagements entgegenwirkt.


1 Nuhr Dieter (2007): “Wer’s glaubt, wird selig“, 4. Aufl., Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, S. 183


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