AMR Corporation testet die Stärke des Bedauerns

24. Juli 2008

Vor einigen Tagen schloss ich einen Trade, der hier mal als Beispiel dienen soll:

Ich hatte AMR zu einem ganz passablen Preis gekauft, habe mich an mein System gehalten und bin dann mit etwas über 30% Gewinn gemäß meinem Regelwerk wieder ausgestiegen. Ein rundum guter Trade, bei dem eigentlich alles richtig gemacht wurde. Jetzt möchte man meinen, dass man damit zufrieden sein könnte, das Problem ist aber das, was mit der Aktie passiert ist, nachdem ich ausgestiegen bin.

Als ob der Kurs nur auf mich gewartet hätte fing er sodann an zu steigen und zwar ins Unermessliche. An diesem Tag hätte ich statt dessen auch mit über 70% Gewinn aussteigen, also etwa verdoppeln können (in den darauffolgenden Tagen sogar fast 100% Gewinn).

Nehmen wir das mal auseinander:

- Ich bin gemäß meines Systems in die Position eingestiegen
- die Regeln wurden diszipliniert eingehalten
- das Ziel in dieser Position wurde erreicht, sogar weit überschritten
- die Position wurde anhand der Regeln des Systems geschlossen
- ein großer Gewinn wurde realisiert, durchaus nicht zu früh, sondern nach rationalen Kriterien

Soweit alles OK und alles richtig.

Was ist falsch gelaufen?

- nichts. Es hätten funktionierende Regeln übergangen werden müssen, damit an dem weiteren Kursanstieg hätte partizipiert werden können.

Die positiven Gesichtspunkte überwiegen also bei weitem. Dennoch beschleicht einen in dieser Situation ein Gefühl des Verlierens, das Bedauern darüber, dass man nicht doch gewartet hat und den zusätzlichen Gewinn nicht mitnehmen konnte und die Gier nach möglichen weiteren Gewinnen in dieser Kursbewegung.

Folgende Probleme können aus einer solchen Situation heraus entstehen:

- Die Gier an dem entgehenden Gewinn teilzuhaben während der Kurs weiter ansteigt könnte dazu führen, dass man die Position wieder eröffnet und in den Markt ohne weitere rationale Gründe einsteigt (entgegen der rationalen Gründe, die für den Ausstieg gesprochen hatten)

- Das System könnte entsprechend so optimiert werden, dass es das Halten der Position ermöglicht hätte. Dadurch wird aber u.U. die Gesamtperfomance des Systems verschlechtert und das Risiko erhöht.

-  es könnte mental der Eindruck entstehen, dass man falsch gehandelt hat. Dies steht dem positiven Lerneffekt entgegen und würde diesen eher umkehren, als stärken.

Zusammengefasstes Ergebnis im schlimmsten Falle:

- Verschlechterung des eigenen Handelssystems
- erhöhtes Risiko, dadurch u.U. Abgabe eines Teils des ansonsten realisierten Gewinns
- falsche Erfahrungen wirken der eigenen Disziplin, Rationalität und dem Lerneffekt entgegen

Möglichkeiten des Gegensteuerns:

Zuerst sollte man nicht vorschnell und grundlos in den Markt wieder einsteigen, sondern die Situation in Ruhe analysieren, um daraus zu lernen und in künftigen Situationen die gewonnene Erfahrung in die Entscheidungen einbringen. Sollte das aus emotionalen Gründen nicht machbar sein, darf der Kurs nach dem Ausstieg nicht weiter verfolgt werden. Alle Kursdiagramme und sonstigen Informationen über das gehandelte Instrument müssen verbannt werden.

Tradeanalyse: wie oben geschehen, muss der Trade analysiert werden. Was wurde richtig gemacht und welche Fehler haben sich u.U. eingeschlichen. Wurden Fehler gemacht, gilt es zu ergründen, warum und wie dies in Zukunft verhindert werden kann. Wurde alles wie geplant ausgeführt, gilt es herauszufinden, ob das System u.U. optimiert werden muss und auf welche Art. Wurde alles richtig gemacht (selbst wenn das System optimiert werden muss), dann war die Disziplin ausreichend und das eigene Handeln völlig korrekt. Das muss dann auch festgehalten werden. Hier kommt das Tradingjournal wieder zum Einsatz. Die Fakten werden festgehalten und lassen sich leichter analysieren, sowie nachträglich Statistiken darüber führen, wie gut die eigenen Vorgaben eingehalten wurden.

Vorsicht! die sachliche Analyse und zeitnahe Datenerhebung sind hierbei entscheidend. Vergleiche auch Hindsight Bias.

Diese Phase der Reflexion ist die wichtigste Phase im Anlageprozess, um positive Erfahrungen später gewinnbringend einsetzen zu können und die eigenen Emotionen in den Griff zu bekommen. In diesem Falle führt es dazu, dass man den Trade wieder als das sieht was er eigentlich ist: ein Gewinner.

Wenn das auf eigenes Handeln zurückzuführen ist (soweit man darauf Einfluss hatte), darf man sich ruhig gut dabei fühlen. Das bringt das nötige Selbstvertrauen, beim nächsten Mal wieder richtig zu handeln und sich an seine Regeln diszipliniert zu halten.


Die Praxis von Hoffnung und Bezugspunkten

7. April 2008

Ich war die Tage mit einem alten Bekannten abends Essen und dabei fiel das Gespräch auch auf Fonds als Anlageinstrument. Das Gespräch handelte unter anderem davon, dass gewisse Fonds in letzter Zeit sehr in Mitleidenschaft gezogen wurden und der Wertverfall auch langfristig nicht mehr akzeptabel sei. Die subjektive Bewertung war dabei relativ klar und wurde deutlich kommuniziert: Fonds seien nicht die optimale Anlageform und das Geld solle in andere Instrumente transferiert werden.

Soweit, so gut. Die Entscheidung war damit auf dem Tisch. Aber die entsprechenden Positionen sollten noch behalten werden, bis der Wertverlust nicht mehr so groß sei. Auf meine Frage, warum er die Fonds nicht auflöse und das Geld in vermeintlich bessere Anlageformen investiere, erhielt ich folgende Antwort:

Ich hoffe, dass zumindest der Einstiegspreis wieder erreicht wird, dann löse ich alles auf.

Zwei Punkte fallen bei der Betrachtung dieser Antwort auf:

  1. die Hoffnung, die sogar wörtlich benannt wurde
  2. das Kriterium des Erreichens des Einstiegspreises (auch Bezugspunkt genannt)

Diese beiden “Symptome” sind bezeichnend für den Dispositionseffekt. Dieser besagt, dass sich ein Anleger im Gewinnfall risikoscheu verhält, im Verlustfall (wie in diesem Beispiel) hingegen risikofreudig. Dies führt in der Konsequenz dazu, dass zu lange an verlustbehafteten Positionen festgehalten wird. Verluste können sich so in der Hoffnung darauf, dass der Kurs irgendwann doch wieder das Einstiegsniveau erreicht und man mit einem blauen Auge davon kommt, immer weiter vergrößern. Dies kann u. U. so weit fortschreiten, bis eine neue Schmerzgrenze erreicht wird, die dann zu einer Art Zwangsauflösung der Position führt (z.B. Existenzbedrohung, Totalverlust, oder andere finanzielle Bedürfnisse, die sofortigen Mittelzufluss erfordern).

Während sowohl das Kapital, als auch die Zeit mit einer derartigen Verliererposition verstreichen, könnte man das noch vorhandene Kapital in gewinnbringende Engagements investieren und die Zeit für Renditechancen nutzen.

Die Handlungsempfehlung lautet: den Verlust akzeptieren, und das Geld in andere Engagements transferieren.


Regret – bedauern oder bedauert werden!

4. April 2008

Bedauern (engl. regret) ist eine Emotion, die uns insbesondere bei Engagements an den Finanzmärkten daran hindert, fundierte Entscheidungen zu treffen und wirkt der Rationalität entgegen.

Wenn besipielsweise ein Trade vorbereitet wird und ein guter Einstiegspunkt gefunden wurde, wird man in irgendeiner Weise abgelenkt. Entweder halten lange Berechnungen auf, weil keine vernünftige Software zur Verfügung steht oder ein Anruf wird entgegen genommen, der 5 Minuten kostet oder irgendein anderer Zeitfresser verzögert die Aufgabe der Order.

Als der Trade endlich eingegeben werden soll, hat sich der Kurs aber schon bewegt und die Situation sieht vermeintlich anders aus. Der Ärger über die Verzögerung und das Verpassen des hervorragenden Einstiegspunktes löst ein Bedauern aus, das dazu führt, dass die Position nicht mehr eingegangen wird. Regret führt in diesem Fall zur Passivität.

In dieser Situation kann es dazu kommen, dass der Kurs sich aber durchaus in die gewünschte Richtung bewegt und letztendlich wäre es trotzdem noch ein guter Trade geworden und das Bedauern ist im Nachhinein noch bedeutend größer.

Der anfangs betrachtete Einstiegspunkt ist lediglich ein von uns gesetzter Bezugspunkt. Ein Ausbruch des Kurses nach oben kann eine Kaufentscheidung sogar unterstützen. Wenn erkannt wird, dass das Bedauern eine rationale Bewertung der Situation verhindert, kann durch eine Neubewertung festgestellt werden, ob sich die Grundlage für das Eingehen der geplanten Position verändert hat. Ist das nicht der Fall (eine kleine Kursbewegung muss ja nicht unbedingt die Einstiegskriterien verändern) kann der Trade trotzdem noch eingegangen werden.

Die Passivität als Konsequenz des Bedauerns wird dadurch überwunden.


Effektbeschreibung hinzugefügt

10. März 2008

Auf der Seite “Heuristiken und Effekte” wurde ein neuer Effekt hinzugefügt:

Kognitive Dissonanz

Dieser Effekt beschreibt einen Widerspruch zwischen den gewählten und den verworfenen Optionen einer bereits gefällten Entscheidung.


Effektbeschreibung hinzugefügt

5. März 2008

Auf der Seite “Heuristiken und Effekte” wurde ein neuer Effekt hinzugefügt:

Hindsight Bias / Rückschau-Fehler

Dieser Effekt beschreibt eine Bewertungsverzerrung von zu einem früheren Zeitpunkt zur Verfügung gestandenen Informationen.


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