Ein Stück Realität

1. April 2009

Antworten Sie aus dem Bauch heraus:

Ist Ihr Trading erfolgreich (ja/nein)?

Wenn Ihre Antwort nicht Nein ist, überlegen Sie, Wie Sie Ihre Antwort untermauern können.

Kennen Sie Ihr Verhältnis von Gewinntrades zu Verlusttrades?
Wissen Sie wie hoch Ihr durchschnittlicher Gewinn im Vergleich zum durchschnittlichen Verlust ist?
Wie hoch ist Ihre durchschnittliche Performance pro Monat nach Abzug aller Gebühren (und auch davor)?
Wie oft halten Sie sich an Ihre Trading Regeln und wie oft nicht?
Was ist Ihr ROI (Return on Investment)?
Deckt sich der Ist-Zustand mit Ihrer Planung?

Sicherlich, viele Fragen. Aber wenn Sie die Antwort nicht kennen, wie wollen Sie die eingangs gestellte Frage realistisch beantworten? Jeder Trader hat grundsätzlich das Problem, dass er nur Geld verdienen kann, wenn er das Trading professionell angeht. Beim Trading gibt es keine Einsteiger Liga, keine Kreisklasse. Man startet direkt in der WM  oder Bundesliga und spielt gegen die Profis. Daher ist es notwendig, sich konkrete (realistische) Ziele zu setzen. Damit diese aber verfolgt und verwirklicht werden können, müssen die Fortschritte messbar sein. Das ist an sich nicht schwierig, weil das meiste bereits in Zahlen vorliegt. Aber es müssen konkrete Messgrößen nachhaltig festgehalten und Veränderungen bestimmt werden. Nur so ist es möglich, Abweichungen zu erkennen und steuernd einzugreifen. Sich nur erfolgreich zu fühlen, kann ein teurer Trugschluss sein. Halten Sie doch mal fest, wie viel Zeit Sie in Ihr Trading investieren, und wie viel Rendite dabei herausspringt. Das wird sicherlich dem ein oder anderen die Augen öffnen und die Entscheidung erleichtern, den Aufwand für die Feststellung einiger Kennzahlen über das eigene Trading zu betreiben.

Es gibt unzählige Möglichkeiten dies zu tun. Angefangen bei einfachen Tabellen, über kostenlose Online-Portfolios, bis hin zu kommerziellen Produkten.

  • Tabellen
    Sie können sich eine eigene Tabelle erstellen (vorzugsweise mit einem Tabellenkalkulationsprogramm; NICHT in einer Textverarbeitung). Mit den festgehaltenen Informationen können Sie dann oben genannte Größen errechnen und erhalten dadurch ein Feedback, das Ihnen beim Lernprozess behilflich ist. In der Tabelle halten Sie unterschiedliche Informationen fest wie z.B.

    • alle Parameter eines Trades (Datum, Menge, Preis, Symbol; werden für Berechnungen anderer Größen benötigt)
    • Marktumfeld
    • eigene Tagesform
    • Grund für den Trade oder Exit
    • wie gut Sie Ihre Regeln eingehalten haben
    • Grund, warum der Trade nicht so funktioniert hat, wie er sollte, obwohl alles richtig gemacht wurde
    • u.v.m.
  • Online-Angebote
    es gibt verschiedenste Onlineportale, die mit Finanzen zu tun haben und meist auch Börsenkurse zur Verfügung stellen. Dort kann man oft ein kostenloses Musterportfolio einrichten, mit dem man zumindest grundlegende Informationen festhalten und diese auswerten kann, z.B. www.Onvista.de, www.Icarra.com, …
  • kommerzielle Produkte
    Hierbei müssen Sie darauf achten, dass die Software auch wirklich zur Verwaltung eines Wertpapierdepots gedacht ist und Funktionen zum Money Management aufweist. Bei kostenpflichtigen Produkten empfielt es sich auch immer, das Produkt vor dem Kauf zu testen. Z.B. www.financial-futures.de

Durch das Festhalten dieser Informationen und die nachträgliche Analyse erhalten Sie ein zusätzliches Feedback, das einen Lernprozess erlaubt, der ohne dieses Feedback nicht eintreten kann. Überlegen Sie sich, wie viel ein solches Tradingjournal wert wäre, wenn es von Warren Buffet stammen würde und was man möglicherweise daraus lernen könnte. Ihr eigenes Journal ist für Sie persönlich ebenso viel wert, weil es Sie lehrt, welche Fehler Sie vermeiden können und was Sie richtig machen!

Die Behavioral Finance beschreibt den sog. Rückschaufehler (Hindsight Bias). Hierzu gibt es hier im Blog auch eine Beschreibung, wie dieser Fehler als Lernhemmer wirkt.

Nur zur Sicherheit: Dies ist kein Aprilscherz!


AMR Corporation testet die Stärke des Bedauerns

24. Juli 2008

Vor einigen Tagen schloss ich einen Trade, der hier mal als Beispiel dienen soll:

Ich hatte AMR zu einem ganz passablen Preis gekauft, habe mich an mein System gehalten und bin dann mit etwas über 30% Gewinn gemäß meinem Regelwerk wieder ausgestiegen. Ein rundum guter Trade, bei dem eigentlich alles richtig gemacht wurde. Jetzt möchte man meinen, dass man damit zufrieden sein könnte, das Problem ist aber das, was mit der Aktie passiert ist, nachdem ich ausgestiegen bin.

Als ob der Kurs nur auf mich gewartet hätte fing er sodann an zu steigen und zwar ins Unermessliche. An diesem Tag hätte ich statt dessen auch mit über 70% Gewinn aussteigen, also etwa verdoppeln können (in den darauffolgenden Tagen sogar fast 100% Gewinn).

Nehmen wir das mal auseinander:

- Ich bin gemäß meines Systems in die Position eingestiegen
- die Regeln wurden diszipliniert eingehalten
- das Ziel in dieser Position wurde erreicht, sogar weit überschritten
- die Position wurde anhand der Regeln des Systems geschlossen
- ein großer Gewinn wurde realisiert, durchaus nicht zu früh, sondern nach rationalen Kriterien

Soweit alles OK und alles richtig.

Was ist falsch gelaufen?

- nichts. Es hätten funktionierende Regeln übergangen werden müssen, damit an dem weiteren Kursanstieg hätte partizipiert werden können.

Die positiven Gesichtspunkte überwiegen also bei weitem. Dennoch beschleicht einen in dieser Situation ein Gefühl des Verlierens, das Bedauern darüber, dass man nicht doch gewartet hat und den zusätzlichen Gewinn nicht mitnehmen konnte und die Gier nach möglichen weiteren Gewinnen in dieser Kursbewegung.

Folgende Probleme können aus einer solchen Situation heraus entstehen:

- Die Gier an dem entgehenden Gewinn teilzuhaben während der Kurs weiter ansteigt könnte dazu führen, dass man die Position wieder eröffnet und in den Markt ohne weitere rationale Gründe einsteigt (entgegen der rationalen Gründe, die für den Ausstieg gesprochen hatten)

- Das System könnte entsprechend so optimiert werden, dass es das Halten der Position ermöglicht hätte. Dadurch wird aber u.U. die Gesamtperfomance des Systems verschlechtert und das Risiko erhöht.

-  es könnte mental der Eindruck entstehen, dass man falsch gehandelt hat. Dies steht dem positiven Lerneffekt entgegen und würde diesen eher umkehren, als stärken.

Zusammengefasstes Ergebnis im schlimmsten Falle:

- Verschlechterung des eigenen Handelssystems
- erhöhtes Risiko, dadurch u.U. Abgabe eines Teils des ansonsten realisierten Gewinns
- falsche Erfahrungen wirken der eigenen Disziplin, Rationalität und dem Lerneffekt entgegen

Möglichkeiten des Gegensteuerns:

Zuerst sollte man nicht vorschnell und grundlos in den Markt wieder einsteigen, sondern die Situation in Ruhe analysieren, um daraus zu lernen und in künftigen Situationen die gewonnene Erfahrung in die Entscheidungen einbringen. Sollte das aus emotionalen Gründen nicht machbar sein, darf der Kurs nach dem Ausstieg nicht weiter verfolgt werden. Alle Kursdiagramme und sonstigen Informationen über das gehandelte Instrument müssen verbannt werden.

Tradeanalyse: wie oben geschehen, muss der Trade analysiert werden. Was wurde richtig gemacht und welche Fehler haben sich u.U. eingeschlichen. Wurden Fehler gemacht, gilt es zu ergründen, warum und wie dies in Zukunft verhindert werden kann. Wurde alles wie geplant ausgeführt, gilt es herauszufinden, ob das System u.U. optimiert werden muss und auf welche Art. Wurde alles richtig gemacht (selbst wenn das System optimiert werden muss), dann war die Disziplin ausreichend und das eigene Handeln völlig korrekt. Das muss dann auch festgehalten werden. Hier kommt das Tradingjournal wieder zum Einsatz. Die Fakten werden festgehalten und lassen sich leichter analysieren, sowie nachträglich Statistiken darüber führen, wie gut die eigenen Vorgaben eingehalten wurden.

Vorsicht! die sachliche Analyse und zeitnahe Datenerhebung sind hierbei entscheidend. Vergleiche auch Hindsight Bias.

Diese Phase der Reflexion ist die wichtigste Phase im Anlageprozess, um positive Erfahrungen später gewinnbringend einsetzen zu können und die eigenen Emotionen in den Griff zu bekommen. In diesem Falle führt es dazu, dass man den Trade wieder als das sieht was er eigentlich ist: ein Gewinner.

Wenn das auf eigenes Handeln zurückzuführen ist (soweit man darauf Einfluss hatte), darf man sich ruhig gut dabei fühlen. Das bringt das nötige Selbstvertrauen, beim nächsten Mal wieder richtig zu handeln und sich an seine Regeln diszipliniert zu halten.


Analogien zwischen Trading und Poker – risikoloser Übungsraum

14. Mai 2008

Behavioral Finance schön und gut, aber welche Möglichkeiten gibt es, risikofrei zu trainieren?

Da einige Erkenntnisse aus der Beobachtung von Glücksspielen kommen liegt es nahe, sich diese mal näher anzusehen. Wir betrachten das Ganze mal an einem Pokerspiel:

Poker und Trading

Texas Hold’Em ist eine Pokervariante, bei der man zwei Spielkarten ausgeteilt bekommt und dann insgesamt fünf Karten offen auf den Tisch gelegt werden, die für jeden Spieler zählen. Die beste Kombination aus fünf dieser sieben Karten zählt dann für den jeweiligen Spieler.

Was hat das mit Trading zu tun?

  • Beim Poker kennt man seinen eigenen Einsatz und kann ihn selbst bestimmen (mehr oder weniger)
  • Es werden Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen
  • Es gibt verschiedene Phasen in welchen die Situation neu bewertet und eine weitere Entscheidung gefällt werden muss
  • Man ist starken Gefühlsschwankungen ausgesetzt, die kontrolliert werden müssen
  • Glück, Strategie und die eigene Disziplin bestimmen, ob man gewinnt, oder verliert.

Wenn auch einige Experten den Vergleich einer Anlage mit dem Glücksspiel nicht gerne sehen, so sind gewisse Parallelen doch nur zu offensichtlich. Der große Unterschied ist, dass man die Anlage am Kapitalmarkt besser kontrollieren kann.

Wie hilft das beim eigenen Training?

Spielen Sie! Und Sie werden feststellen, dass sich schnell ein Dispositionseffekt oder auch ein Sunk-Cost-Effekt einstellen, beispielsweise, wenn in den ersten Runden verloren wurde und man den Verlust aufholen möchte, oder wenn der Mindesteinsatz (Blinds) gezahlt werden musste und man schlechte Karten hat. Sie werden bei der Analyse Ihrer Mitspieler die Verfügbarkeitsheuristik wiederfinden, weil so viele Informationen verarbeitet werden müssen, dass die aktuelleren die älteren überlagern. Es wird die Repräsentativitätsheuristik auftreten, weil es unwahrscheinlich ist, dass pötzlich vier Spieler gleichzeitig eine Straße auf der Hand haben. Sie werden Bedauern fühlen, wenn Sie schlechte Karten weggeworfen haben, die sich aber im Verlauf in ein hervorragendes Blatt gewandelt hätten. Das Adrenalin und die Gier werden spürbar, wenn Sie hoch setzen, uvm.

Das tritt alles in einem kontrollierten Rahmen auf, bei dem Sie nur Spielgeld einsetzen müssen und innerhalb kürzester Zeit immer wieder die selben Effekte sehen und daran arbeiten können. Eine optimale Trainingsumgebung also für viele psychologische Einflüsse, die durch den hohen Wiederholungsgrad schneller in den Griff bekommen werden können.


Falsche Risikowahrnehmung durch Fehlinterpretation des Kurs-Gewinn-Verhältnisses

6. Mai 2008

Untersuchungen zeigen, dass Anleger von Unternehmen, die in der Vergangenheit gute Ergebnisse erzielt haben, erwarten, dieses auch in der Zukunft fortzuführen. Dabei wird auch erwartet, dass Unternehmen, die ein hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) erreichten, solche in der Zukunft schlagen werden, die ein niedriges KGV erreichten.

Dieses Verhalten trifft auch auf Analysten zu, die entsprechend der eben genannten Neigung Unternehmen empfehlen.

Die Risikowahrnehmung zeigt sich in der Art, dass ein niedriges KGV als hohes Risiko eingestuft wird und wegen niedriger erwarteter Renditen ungern in solche Unternehmen investiert wird.

Die generelle Anahme ist aber, dass hohes Risiko mit hohen Chancen einher geht. Für hohe erwartete Gewinne muss der Anleger bereit sein, auch ein höheres Risiko zu akzeptieren und bei niedrigem Risiko sollte die erwartete Rendite entsprechend geringer ausfallen.

Dies stellt einen Gegensatz zur festgestellten Risikowahrnehmung dar, bei der niedrige erwartete Renditen mit einem hohen Risiko verknüpft werden.

Es tritt eine Fehlinterpretation auf Basis des KGV ein.

Wie bringt das den Anleger weiter?

Wenn er in seiner logischen Beurteilung einer Aktie zu dem Schluss kommt, dass ein hohes KGV einem niedrigen KGV vorzuziehen sei, weil er das Risiko geringer einschätzt, dann unterliegt er einer Fehlinterpretation des Risikos. Bei einer Selektion und Entscheidung zwischen mehreren Aktien, kann das das dazu führen, dass Werte ins Portfolio genommen werden, die ein zu hohes Risiko aufweisen. Dieses Wissen kann er dazu einsetzen, die Situation neu zu bewerten und anhand seiner individuellen Risikotoleranz eine bessere Entscheidung zu treffen.


Investors Intelligence – Advisors’ Sentiment Report

18. April 2008

Der im Titel genannte Bericht verfolgt die Stimmung (Sentiment) in Newslettern. Er teilt Sie in die Kategorien Bullish, Bearish oder Korrektur ein. Die Relation der einzelnen Kategorien zueinander wird im “Bullish Sentiment Index” wiedergegeben.

Dieser Index soll als Kontraindikator zur Marktrichtung dienen. Wenn der Index also hohe Werte erreicht, soll ein fallender Markt angezeigt werden und umgekehrt.

Die Analysen dazu können einem Newsletter, dem Advisors’ Sentiment Report entnommen werden. Dieser wird bereits seit 1963 verteilt und soll laut Webseite von Investors Intelligence regelmäßig die großen Umkehrpunkte im Markt vorhergesagt haben.

Um die Hoffnung des Lesers gleich im Keim zu ersticken: den heiligen Gral findet man hier ebenfalls nicht. Wissenschaftler haben sich die Mühe gemacht, die Prognosefähigkeit auszuwerten. Dabei wurde zwar festgestellt, dass tatsächlich einige Wenden mit diesem Index erfolgreich vorhergesagt wurden, jedoch liegt man damit etwa gleich oft richtig wie auch falsch. Damit wären wir wieder beim Münzwurf angekommen. Von einer Prognosefähigkeit des Index kann deshalb leider nicht ausgegangen werden.

Warum glauben trotzdem viele Anleger daran? Nun das hat wieder etwas mit dem Grad der Verpflichtung zu tun (Commitment). Wenn man gemäß einem solchen Newsletter entscheidet, ist man für eine falsche Entscheidung nie wirklich selbst verantwortlich. Man hat immer die Ausrede, dass die Profis es ja auch nicht wissen. Dies erleichtert einem bereits im Vorfeld die Entscheidung. Man spricht von der kognitiven Dissonanz, einem Unbehagen, das dadurch auftritt, dass die gefällte Entscheidung immer auch negative Punkte aufweist und ausgeschlagene Optionen auch positive Punkte aufweisen. Im Endeffekt hat es also weniger etwas mit Glauben zu tun, sondern mit dem Versuch, das Commitment zu reduzieren und sich mit seiner Entscheidung besser zu fühlen.


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