abnehmende Sensitivität – warum große Verluste auf die leichte Schulter genommen werden

20. Februar 2008

Wir neigen dazu Dinge relativ zu bewerten. Das Wetter ist heute wieder besser (als gestern), ich bin schneller als der Fahrer hinter mir, dieses Restaurant hat ein gemütlicheres Ambiente, als das gegenüber. Wir setzen Dinge in Relation zu anderen Dingen – zu einem Bezugspunkt.

Wenn man das auf eine Kapitalanlage überträgt, dann ist der Einstiegspreis ein neutraler Bezugspunkt. Die weitere Entwicklung wird in Relation zu diesem Punkt bewertet. Von Gewinnen sprechen wir, wenn der Preis oder Kurs sich in eine Richtung vom Bezugspunkt entfernt, die unser Depot wachsen lässt, von Verlusten, wenn er sich in die andere Richtung weg bewegt.

Diese Bewertung erfolgt aber nicht in absoluten Beträgen, sondern vielmehr in Form subjektiven Nutzens. Wir bewerten, wieviel uns diese absolute Veränderung bedeutet. Der anfängliche Verlust ist uns sehr viel wert, da er den Unterschied zwischen Gewinn und Verlust bedeutet, zwischen richtig liegen und falsch, zwischen gut drauf sein oder einen schlechten Tag haben. Ist der erste Verlust schon mal mit allen mentalen und emotionalen (und natürlich auch finanziellen) Konsequenzen eingetreten, wird eine weitere Vergrößerung dieses Verlusts nicht mehr so schlimm bewertet wie der erste. Schließlich fühlen wir uns schon schlecht und hatten uns bereits falsch entschieden – jetzt hat sich nicht viel verändert. Je mehr sich der Verlust vergrößert und sich der Preis so vom Bezugspunkt entfernt, desto weniger wird er subjektiv gewichtet.

Diese Veränderung der relativen Bewertung bei zunehmender Entfernung vom Bezugspunkt nennt sich abnehmende Sensitivität und führt dazu, dass Verluste nicht früh genug realisiert werden (die Position nicht geschlossen wird), sondern statt dessen zugesehen wird, wie der Verlust immer größer wird, bis irgendwann eine Schmerzgrenze erreicht ist, bei der letztendlich dann doch verkauft wird.


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